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Alle Jahre wieder
...Die Moros y Cristianos in Moraira

von Sylvia Klinzmann

© Karl Rutins
© Karl Rutins
© Karl Rutins
© Karl Rutins

Alle Jahre wieder wird in vielen Orten unserer Region das Fest der Mauren und Christen gefeiert. Dabei lässt man die geschichtlichen Ereignisse der Eroberung unserer Landstriche durch die Mauren und die anschließende Rückeroberung durch die christlichen Heere wieder auferstehen. Im Jahre 711 n. Ch. betraten zum ersten Mal maurische Krieger spanischen Boden und nahmen innerhalb weniger Jahre fast die gesamte iberische Halbinsel ein. Die Rückeroberung durch die Christen dauerte bis ins späte dreizehnte Jahrhundert. Erst 1492 war Granada von dem sogenannten katholischen Königspaar, Isabella I von Kastilien und Ferdinand II von Aragón befreit worden, welche somit die letzten Mauren aus Spanien vertrieben hatten.

Die Wiege dieser Festlichkeiten liegt in Alcoy. Hier findet die wohl größte und prächtigste Fiesta jedes Jahr vom 21. – 24. April zu Ehren des heiligen Georgs (Sant Jordi) statt, der am 23. April 1276 den Platz von Alcoy vor dem Angriff der maurischen Ritter des Al-Azraq bewahrt hatte.

© Karl Rutins

Das Fest, von dem ich nun erzählen möchte, die Fiesta der Mauren und Christen (Moros y Cristianos) in Moraira wird am zweiten oder dritten Wochenende im Juni gefeiert. Es gibt insgesamt neun verschiedene Heeresgruppen (Filás), vier christliche und fünf maurische. Ich gehöre zu den „Conquistadoras“, den Eroberinnen, die Ende 1996 gegründet worden sind. Jede Gruppe hat mehrere Basisfarben, die sich in Fahne und Kostümen widerspiegeln. Unsere Farben sind Beige, Ockergelb und Dunkelgrün. Unser Emblem besteht aus einer Armbrust, Pfeilen und einer Muscheltrompete.

Abwechselnd muss jede Gruppe irgendwann einmal die Heeresführung (Capitanía) übernehmen. Dies bezieht sich sowohl auf die Christen als auch auf die Mauren und bedeutet unter anderem, dass man allen anderen Gruppen ein Geschenk macht, sie zu einem Umtrunk einläd und sich für den Galaumzug, der jedes Jahr als krönender Abschluss immer Sonntagsabends stattfindet, besondere Attraktionen einfallen lassen muss. Die Gruppenmitglieder der jeweiligen Heerführerschaft müssen nun noch mehr Geld sammeln, haben noch weniger Freizeit während des vorangehenden Jahres, aber dafür auch doppelt soviel Spaß. Es heißt halt Opfer bringen und auch manches Mal die Familie mit sanften Worten beruhigen, wenn man das vierte Wochenende hintereinander mit der Gruppe unterwegs ist oder man sich, statt einmal pro Woche, nun zweimal trifft. Für die Conquistadoras war 2000 das Jahr der Capitanía.

© Karl Rutins
© Karl Rutins

Außenstehende können wahrscheinlich nur schwer nachvollziehen, was für ein Kostenapparat hinter der ganzen Sache steht. Da sind zunächst einmal die Grundanschaffungskosten, die jede Filá bei Neugründung für verschiedene Dinge aufbringen muss. Ein Kostüm (Chilaba) wird angeschafft und die Fahne mit dem Emblem angefertigt(dieses muss vorher neben den Grundfarben ausgesucht und festgelegt werden, was, wenn schon mehrere Gruppen bestehen, gar nicht so einfach ist, da man ja nichts nehmen darf, was schon von einer anderen Filà ausgewählt worden ist). Auch ist es gar nicht so einfach, ein geeignetes Heeresquartier (Cabila) zu finden, sprich einen Raum, wo man sich das Jahr über trifft, zusammen ißt und während der Fiesta feiert. In Moraira ist es fast unmöglich, ein Ladenlokal mit einer bezahlbaren Miete zu finden. Wir hatten Gott sei Dank Glück und haben einen Raum in der Avenida del Portet angemietet, den wir dekoriert und mit einer Theke und Kühlvitrinen ausgestatten haben.

Die Capitanía beginnt mit dem Ende der vorausgehenden Fiesta und dauert ein Jahr. Die Heeresgruppe, der die Führung obliegt, muss auch einen König, oder eine Königin, bez. einen „Capitan oder Capitana Mora“, stellen. Diese „Obrigkeiten“ nehmen während der gesamten Festlichkeiten eine Sonderstellung ein. In der Regel unterstützen diese ihre Filá auch in finanzieller Hinsicht. Wie bereits angedeutet, sind die Fiestas mit enormen Kosten verbunden. Es gibt ein zentrales Festkomitee, die „Junta Central“, die für die Organisierung und Finanzierung der allgemeinen Festakte zuständig ist, wie z.B. die Präsentation der Standarte oder die Nachspielung der Eroberung, bzw. der Rückeroberung, was immer mit einem grossen, von Feuerwerk und organisierten Ritterkämpfen begleitetes Spektakel darstellt.

© Karl Rutins
© Karl Rutins

Dies hört sich schon alles sehr gewaltig an, und trotzdem geht noch ein großer Teil des Kostenaufwands zu Lasten der einzelnen Heeresgruppen. Sie müssen z. B. eine eigene Musikgruppe organisieren. Jede Filá nimmt während der gesamten Festtage eine Band unter Vertrag, die bei den Umzügen für die jeweilige Gruppe spielt.
Dann muss für das leibliche Wohl der Gruppe und der Musikband gesorgt werden, die, kommt sie von weit her, auch noch untergebracht wird.
Bei den Conquistadoras bestellen wir das Essen außer Haus, d.h., vorher wird ein Menüplan festgelegt, der dann Tag für Tag von einem Katering-Service in unsere Cabila angeliefert wird.
Des weiteren müssen Vorderlader und die entsprechende Munition geordert werden. Diese werden zu besonderen Festakten und für die Böllerschüsse der Weckaktion, die allmorgendlich im Dorf erfolgt, benötigt.
Für die Blumenprozession müssen Blumengestecke besorgt und schließlich das Kostüm für den Galaumzug ausgesucht werden. Dabei soll möglichst vermieden werden, dass das Gewand schon einmal in irgendeinem anderen Jahr in Moraira getragen worden ist.
Man will ja schließlich in jedem Jahr wieder mit etwas Neuem, noch nie Dagewesenen glänzen.
Die Heeresgruppen der Capitanía übernehmen den größten Anteil des Galaumzugs. Musik- und Tanzgruppen, Festwagen, Pferde, Kamele, ja sogar Elefanten hat es in Moraira schon gegeben.

© Karl Rutins
© Karl Rutins

Doch nun zurück zum Jahr 2000, dem Jahr der christlichen Heerführerschaft der Conquistadoras.
Wir wollten natürlich bei unserer Capitanía mit ganz besonderen Attraktionen glänzen. Also setzten wir uns gleich am Anfang zusammen und sammelten Ideen. Diese fügten wir nach mehr oder weniger hitzigen Diskussionen zu einem Programmablauf zusammen. Nun hieß es Kostenvoranschläge einzuholen und eine Finanzierung aufzustellen. Als diese dann stand, mussten wir alle erst einmal schwer schlucken, sie war nicht gerade niedrig und würde ein beachtliches Maß an Arbeit erforderlich machen. Doch wir hatten viele gute Ideen. Wir organisierten Tombolas, gingen jeden Sonntag auf den Flohmarkt von Teulada, wo wir Gerümpel und aussortierte Kleidung an den Mann, bzw. die Frau brachten und stellten uns als Hobbymannequins bei einer Modenschau in der Algas-Bar zur Verfügung. Wir backten Weihnachtsplätzchen, die wir zusammen mit Stollen und Glühwein auf dem leider verregneten Weihnachtsmarkt in Teulada verkauften. Ich weiß nicht, wie viele hundert Lose der Weihnachtslotterie wir in jenem Jahr veräußert haben. Meine Freunde fragten immer schon: „Na, was willst du uns diesmal verkaufen?“ oder „ wo sollen wir jetzt hinkommen?“, wenn sie mich sahen. Es ist natürlich eine der Grundvoraussetzungen für das Gelingen der Fiestas, dass man auf die Hilfe und Unterstützung des ganzen Ortes zählen kann.

© Karl Rutins
© Karl Rutins

Die Mühen und Entbehrungen des Jahres haben aber dann ihre Früchte getragen. Wir haben eine der schönsten christlichen Capitanías gezaubert. Pferde, zwei grosse Wagen ( einer mit unseren teilnehmenden Kindern und ein riesiger Drache, auf dem Nacho, unser König gestanden hat), ein über drei Meter grosses Königspaar aus Pappmaschee, waren Bestandteil des Umzugs, um nur einige der Höhepunkte zu nennen. Die Könige, bzw. Kapitäne der jeweiligen Capitanía werden im Übrigen jedes Jahr während der Halbjahresfeier (mig any) im Dezember dem Publikum präsentiert.

© Karl RutinsUnbeschreiblich ist auch die Nervosität, die uns jedes Mal kurz vor dem Umzug befällt. Wir tragen meist Helme mit langen Pfauenfedern, die sehr eng sind und gegen Ende des Umzugs sind Kopfschmerzen nicht zu vermeiden. Das Gewicht der langen Lanzen oder Speere ist auch nicht ohne, und so ist man oft am Schluss nicht weit von einer Sehnenscheidenentzündung entfernt. Dann ist da noch die Angst, dass man bei der Schrittfolge aus dem Takt kommt oder einen Befehl der Führerin (Cap de Filá) übersieht.
Bei unserer Capitanía kam noch hinzu, dass bis kurz vor Beginn des Umzugs unsere Hauptattraktion noch nicht da war und wir alle kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden hatten.

Und trotz allem ist es immer wieder ein unbeschreibliches Erlebnis, wenn man mit der Gruppe die Straße hinunterläuft, das „Padapam, padapam“ der mächtigen Paukenschläge im Rücken, und dann auf einmal in der Kurve der Avenida del Portet in die lächelnden Gesichter der Menschenmenge am Straßenrand blickt, die nur gekommen ist, um dieses Spektakel anzuschauen. Man ist erleichtert, wenn man alles gut hinter sich gebracht hat, freut sich aber bereits wieder auf das kommende Jahr. Schliesslich haben wir ja alle das gleiche im Sinn. Wir wollen diese schöne Tradition in unseren Herzen bewahren und für immer unvergesslich machen.

Sylvia Klinzmann

 

 
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